Die letzte Pirouette war selbst den wenigen verbliebenen Anhängern
des Präsidenten eine Umdrehung zu viel. Während sich ein halbes Dutzend
seiner Minister von Nigeria aus aufgemacht hatte, um das kranke
Staatsoberhaupt im saudi-arabischen Dschidda zu besuchen, hatte der
sich ins Flugzeug setzen lassen und war bei Nacht und Nebel in der
Hauptstadt Abuja gelandet. Dort wurde er von einer eingeschworenen
Sondereinheit in einen Krankenwagen geschafft und an einen unbekannten
Ort gebracht. Das war am vergangenen Mittwoch. Weder sein Stellvertreter noch sonst ein Regierungsvertreter Nigerias
haben Umaru Yar'Adua seither gesehen. Lebt Nigerias Präsident noch ? Ist
er tot ? Stück für Stück bereitet sich nun Vizepräsident Goodluck Jonathan,
nachdem er bereits seit drei Wochen als kommissarisch "agierender
Präsident" amtiert, darauf vor, das höchste Amt auch offiziell zu
übernehmen. Die nigerianische Tageszeitung "Next" zitiert Quellen, die
bereits davon sprechen, für Yar'Aduas Unterstützer sei "das Spiel zu
Ende". Am Sonntag hatte sich Jonathan mit Turai Yar'Adua, der
machtversessenen Ehefrau Umarus, und der muslimischen Elite des Landes
getroffen. Über das Ergebnis wurde zunächst nichts bekannt, doch
Großbritannien und die EU erhöhten schon mal den Druck, indem sie dem
52-jährigen Jonathan ihre Unterstützung zusagten. Am Montag unternahm
Jonathan einen weiteren Schritt, um seinen Machtanspruch zu
zementieren: Er richtete drei neue Beratergruppen ein. Eine davon
befasst sich mit dem Konflikt im ölreichen Niger-Delta. Es ist höchste Zeit für eine Klärung der Machtfrage in Nigeria, denn
Umaru Yar'Adua, 58, Spross einer der einflussreichsten Familien aus dem
Norden Nigerias, hatte sein Amt nach der Wahl 2007 schon als kranker
Mann angetreten. Immer wieder war er wochenlang ausgefallen, unter
anderem hatte er sich auch in Deutschland behandeln lassen.
Versteckspiel mit einem siechen Präsidenten
Am 23. November des vergangenen Jahres war er ins beste Krankenhaus
von Dschidda geflogen worden, angeblich wegen einer akuten
Herzbeutelentzündung. Wochenlang hieß es danach, er befinde sich auf
dem Weg der Besserung, er werde in Kürze nach Nigeria zurückkehren. Zu
sehen bekam ihn allerdings niemand. Eine Parlamentarier-Delegation, die
sich fast eine Woche in Dschidda aufhielt, um ihren Präsidenten am
Krankenbett zu besuchen und sich von seinen angeblichen
gesundheitlichen Fortschritten zu überzeugen, kehrte unverrichteter
Dinge zurück. Bizarre Dinge taten sich derweil im führungslosen Nigeria. Die
nigerianische Anwaltsvereinigung rief das höchste Gericht an, um klären
zu lassen, ab wann ein Präsident nicht mehr arbeitsfähig ist. Sie
wollten den Vize inthronisiert sehen. Literatur-Koryphäe Wole Soyinka
führte eine Demonstration durch Lagos an, die ebenfalls zum
Präsidentenwechsel aufforderte. Dann plötzlich, am 12. Januar, meldete sich Yar'Adua per
Rundfunk-Interview vom Krankenbett, um Gerüchte um sein Ableben zu
widerlegen. In Nigeria wurde der Audio-Mitschnitt allerdings als
Quasi-Erklärung interpretiert, dass er sein Amt derzeit nicht ausüben
könne. TV-Sender verbreiteten gar, womöglich habe ein Stimmenimitator
im Auftrag des Geheimdienstes das Interview geführt. Auch die
Herausgeber von sieben Tageszeitungen forderten das Kabinett auf,
Jonathan zum Nachfolger auszurufen. Es wäre eine grandiose Polit-Posse, die sich da zugetragen hat -
wäre Nigeria nicht einer der wichtigsten Akteure auf dem afrikanischen
Kontinent. Nigeria hat die meisten Einwohner (150 Millionen), zusammen
mit Angola die höchste Erdölförderung - und die blutigsten
Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen.
Warum die muslimische Elite um ihre Macht fürchtet
Weil auch die große Mehrzahl der Nigerianer Klärungsbedarf sieht,
wollten nun einige Minister und Vertraute von Yar'Adua in Saudi-Arabien
nach dem Rechten sehen. Doch kaum waren sie in Dschidda angekommen,
erfuhren sie, dass der Präsident bereits zurückgereist war. Wer von
seiner nächtlichen Rückkehr informiert war und welche Sondereinheit ihn
am Flughafen in Empfang genommen hatte, war am Sonntag noch Gegenstand
von Untersuchungen. Vize Jonathan wusste jedenfalls nichts. "Das war der Sargnagel für seine Präsidentschaft", kommentierte
trocken die Tageszeitung "This Day" und zitierte einen der mitreisenden
Minister: "Den Präsidenten, den wir kennen und mit dem wir
zusammengearbeitet haben, hätte uns empfangen, wenn er irgendwie
gekonnt hätte." Aber der Präsident konnte und kann wohl nicht mehr.
Offensichtlich versuchen seine machtbewusste Gattin und engste
Mitarbeiter bis zuletzt dennoch, ihn im Amt zu halten. Der Grund ist
simpel: Das Präsidentenamt in Nigeria bedeutet Wohlstand. Präsidenten,
Minister und Gouverneure in Nigeria leben in unsagbarem Reichtum -
verglichen mit 98 Prozent der Nigerianer. Die Regierungskrise trifft Nigeria zu einer Zeit, da dringende
Entscheidungen anstehen. Im Konflikt um das ölreiche Niger-Delta hatte
Yar'Adua Friedensverhandlungen mit den Rebellen aufgenommen, eine
Amnestie ausgesprochen und auch einen vorübergehenden Waffenstillstand
erzielt. Der ist jedoch bereits wieder aufgekündigt, nachdem die
Regierung angebliche Zusagen nicht eingehalten haben soll. Schlimmer
noch: Die Rebellen wollen ihren Kampf jetzt auch außerhalb des Deltas
führen.
Konflikt im Niger-Delta, maroder Bankensektor, Korruption
Die Ölproduktion, Nigerias mit Abstand wichtigster Devisenbringer
und zuständig für 80 Prozent der Staatseinnahmen, ist wegen der
Anschläge und Überfälle inzwischen rückläufig. Es ist ohnehin paradox:
Das Land hat kaum eigene Raffinerien und muss daher einen Großteil
seines Benzins importieren. Weil der Sprit jedoch subventioniert wird
und ein Großteil von Schmugglern gleich wieder exportiert wird,
herrscht im ganzen Land regelmäßig Treibstoffmangel. Der Bankensektor
wartet auf eine Reform, und das Mega-Thema Korruption ist ein
Dauerbrenner.
Auch die religiösen und sozialen Spannungen im Zentrum des Landes, die
vor kurzem erst wieder in der Stadt Jos Hunderte von Toten forderten,
sind ungelöst. Stattdessen kündigte "al-Qaida im islamischen Maghreb"
nach dem Gemetzel von Jos an, nigerianische Kämpfer zu trainieren und
mit Waffen zu versorgen.
Dass nun ein Christ einem Muslim im Präsidentenamt folgen soll, ist
einer fragilen Balance geschuldet - dass sich nämlich Muslime und
Christen in Nigeria nahezu gleich stark gegenüberstehen. Deshalb ist
das Regierungssystem auch fein austariert. Einem christlichen
Präsidenten soll jeweils ein muslimischer folgen, und Vizepräsident ist
jeweils ein Vertreter der anderen Religion. Das erklärt auch, warum
Yar'Aduas Umgebung, durchwegs Muslime, mit aller Macht versuchten, den
Todkranken im Amt zu halten. Sie wollten ihre Pfründe zumindest bis zur
Wahl im Jahr 2011 sichern. Wenn der Christ Jonathan das Land übernimmt,
verliert die muslimische Elite automatisch an Macht, Einfluss und
Vermögen.
Karrierebewusster Saubermann mit kleinem Makel
Der mutmaßlich neue Präsident Goodluck Jonathan hat eine
atemberaubend schnelle Polit-Karriere hinter sich. Dafür hat er nicht
einmal viel getan. Abwarten und Ruhe bewahren gehört zu seinen
herausragenden Stärken. Zudem war er wohl nicht ganz so bestechlich wie
andere. Denn im Niger-Delta, aus dem er stammt, gilt die politische
Elite als besonders korruptionsanfällig. Studiert hat er Zoologie,
später arbeitete er im Umweltbereich. Erst 1998 begann er sich um
Politik zu kümmern, wurde 1999 zum stellvertretenden Gouverneur seines
Heimatstaates Bayelsa ernannt und kurz darauf bereits Gouverneur - weil
sein Chef in London wegen Bestechlichkeit verhaftet worden war.
Yar'Aduas Vorgänger Olusegun Obasanjo beförderte ihn 2007 zum
Vizepräsidenten, und das Schicksal machte ihn - nun, da Yar'Adua
ausfällt - zum Präsidenten. Doch dass er nun unangefochten die
Präsidentschaft übernimmt, hat auch damit zu tun, dass er in den
letzten Wochen politisch clever agiert hat. Nie erweckte er den
Anschein, als ziehe es ihn in die Chefposition. Geduldig wartete er ab
und ließ stets andere aktiv werden. Als etwa die Informationsministerin
öffentlich darauf drängte, nun endlich Jonathan zum Staatsoberhaupt zu
machen, beschied er sie, sie möge den Dienstweg einhalten. Im
Hintergrund schmiedete er Stillhalteabkommen mit den Generälen und den
mächtigen Gouverneuren der 36 Bundesstaaten. Es waren die Mitglieder
des Senats, die ihn schließlich baten, im Zweikammernparlament eine
Abstimmung zu initiieren. Sie wählten ihn zum vorübergehend "agierenden
Präsidenten". Einen kleinen Makel hat freilich auch der neue Saubermann: Seine
Frau muss sich vor Gericht wegen einer Geldwäsche-Affäre verantworten.
Es geschah im Jahr 2007, Jonathan war gerade Gouverneur, und Ehefrau
Patience soll versucht haben, umgerechnet rund 600.000 Euro
verschwinden zu lassen. Ein Urteil ist noch nicht gesprochen.
Quelle:
www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,681017,00.html